Streit im Haushalt? Hier ein Rezept.

Streit im Haushalt? Hier ein Rezept.

Nie wieder Streit im Haushalt

Das kann ich Ihnen natürlich nicht versprechen, aber die Überschrift klingt so besser als „Sie werden sich vielleicht zukünftig über das Ausräumen der Spülmaschine streiten, es tut mir Leid“. Dennoch gibt es die Möglichkeit, dass Sie sich weniger über die alltägliche Erledigung von Aufgaben streiten. Alles was Sie brauchen, sind folgende Zutaten:

250 g – Kommunikation
430 g – Zeit
360 g
– Lust sich zu reflektiern
620 g – Interesse an Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner

"Warum sind Menschen so, wie sie sind?"

Als Psychologe werde ich immer wieder gefragt, warum Mensche wie ticken. Da es häufig Fragen sind, für die ich selbst keine einfache Antwort habe, ist meine liebste Pauschalantwort „außerordentliche Intelligenz“.

Menschen fragen mich zum Beispiel: Otto, warum reagiert meine Freundin eigentlich immer so gereizt, wenn ihr jemand die Tür aufhalten will? Otto, warum laufen Menschen eigentlich immer mit der Bahn mit, wenn sie an der Haltestelle einfährt? Otto, warum wache ich nachts manchmal auf und denke, dass ich noch im Traum bin?

Und ich antworte: Außerordentliche Intelligenz.

Damit möchte ich sagen, dass ich die Antwort auch nicht kenne. Meist endet dann meine Außeinandersetzung mit der Frage. Doch manchmal mache ich mir anschließend Gedanken und so fiel mir neulich etwas Nützliches auf. Meine Schwester hatte mich gefragt, warum ihre Töchter die Bücher nach dem Lesen liegenlassen und nicht wieder wegräumen. Mit meiner ersten Antwort wollte sie sich nicht zufrieden geben, also dachte ich weiter nach. Sie wollte außerdem wissen, was sie tun könne, damit sie sie eben doch aufräumen.

Das Konzept der Aufgabenwahrnehmung*

Ihre Frage fand ich interessant, denn schließlich geraten wir alle mal über Haushaltsaufgaben in Streit. Aber warum eigentlich? Wieso erneuern die Einen den Müllbeutel sofort nach dem Herausbringen des Mülls, die Anderen lassen den Mülleimer ohne Beutel stehen? Wieso räumen die Einen die Dosen aus der Spülmaschine gleich in den Schrank, die Anderen lassen die Dosen auf dem Schrank liegen? Wieso waschen die Einen schon während des Kochens benutzte Pfannen und Schneebesen ab, die Anderen lassen sie einfach schmutzig in der Spüle stehen?

Meine Antwort: Das hat etwas mit der unterschiedlichen Wahrnehmung der Aufgaben zu tun. Es gibt Menschen, die haben eine sehr breite Aufgabenwahrnehmung. Für sie besteht eine Aufgabe aus vielen Teilschritten und Unteraufgaben, bevor die Aufgabe abgeschlossen ist. Denken diese Menschen zum Beispiel an die Aufgabe Kochen, gehört für sie Schnippeln, Zusammenrühren, Würzen, Probieren, Tisch decken, Küche aufräumen, Abwaschen, Arbeitsplatte und Herd abwischen mit dazu. Erst dann ist für sie die Aufgabe im Kopf abgeschlossen.

Andere haben eine enge Aufgabenwahrnehmung. Für sie gehören zu einer Aufgabe weniger Teilschritte und Unteraufgaben. Diese Menschen denken beim Kochen vielleicht nur an Zutaten aus dem Kühlschrank holen, Schnippeln, Zusammenrühren, Würzen. Fertig. Die Küche aufzuräumen ist für diese Menschen eine komplett neue Aufgabe, die sie deswegen auch gerne später anfangen und erledigen können. Und räumen sie die Küche trotzdem gleich nach dem Kochen auf, haben sie in ihrer Wahrnehmung zwei Aufgaben erfüllt – Kochen und Aufräumen. In der Wahrnehmung der Person mit einer breiten Aufgabenwahrnehmung haben sie jedoch „nur“ eine Aufgabe erledigt und das Soll erfüllt.

Es ist keinesfalls so, dass man entweder eine breite oder eine enge Aufgabenwahrnehmung hat. Bei manchen Aufgaben hat man eine breite, bei anderen eine enge Wahrnehmung. Vielleicht verändert sich die Wahrnehmung auch im Laufe der Zeit und was einem noch vor einem Jahr wichtig war, um eine Aufgabe zu erledigen, hat inzwischen an Bedeutung verloren.

Das Gehirn liebt abgeschlossene Aufgaben

Menschen haben ein ausgesprochenes Bedürfnis Aufgaben abzuschließen, da sie sich an unterbrochene, also nicht abgeschlossene Aufgaben besser erinnern als an abgeschlossene Aufgaben. Dieser psychologische Effekt wird Zeigarnik-Effekt genannt – entdeckt von der russischen Psychologin Bljuma Wulfowna Zeigarnik. Für Menschen mit einer breiten Aufgabenwahrnehmung ist es demnach sehr schwer auszuhalten, wenn jemand mit einer engen Aufgabenwahrnehmung dieselbe Aufgabe erledigt. Denn für sie bleibt diese Aufgabe unterbrochen und damit im Gedächtnis. Ständig müssen sie noch daran denken, dass die Pfannen noch abgewaschen werden müssen. Das ist natürlich anstrengend. Es kommt zu Erinnerungen, Ermahnungen und schließlich auch manchmal zu Streit.

Wie man Streit zuvorkommt

Es gibt dabei kein richtig und kein falsch, sondern es sind verschiedene Wahrnehmungen auf eine Sache. Es gibt schließlich kein Gesetz, in dem steht, welche Teilschritte und Unteraufgaben zu einer bestimmten Haushaltsaufgabe gehören. Und so verschieden Menschen sind, so verschieden sind auch deren Wahrnehmungen auf Aufgaben. Im beruflichen Kontext ist es oft anders. Da legt der Arbeitgeber fest, welche Aufgaben wie zu erfüllen sind und wann eine Aufgabe als abgeschlossen gilt. Zuhause ist dies nicht der Fall, denn hier wollen wir auf Augenhöhe zusammenleben und uns nicht fremdbestimmen lassen.

Streit lässt sich also vermeiden, indem Sie akzeptieren, dass Menschen verschiedene Wahrnehmungen haben. Sprechen Sie über Ihre verschiedenen Wahrnehmungen und erforschen Sie mit Interesse Ihre Unterschiede, erkennen Sie diese Unterschiede an. Reflektieren Sie, wieso Ihnen Ihre Wahrnehmung so wichtig ist oder woher sie kommt. Häufig wird es eine Rolle spielen, wie Sie aufgewachsen sind.

Wenn Sie Ihre Unterschiede herausgefunden haben und wissen, bei welchen Aufgaben sie eine breitere oder engere Aufgabenwahrnehmung haben, überlegen Sie sich gemeinsam, wie sie damit umgehen möchten. Wer sagt denn, dass alles so bleiben muss, wie es ist?

Wenn Sie mögen, können Sie sich das Übungsblatt Aufgabenwahrnehmung Alltag kostenlos herunterladen. Reflektieren Sie damit, welche Teilschritte für Sie zu Alltagssaufgaben gehören und wo sie eine eher breite oder eher enge Wahrnehmung haben. Wenn Ihre Partnerin, Ihr Partner, Ihre Kinder oder Mitbewohner*innen das Übungsblatt ebenfalls für eine Reflexion verwenden, können Sie die Blätter nebeneinanderlegen. Damit haben Sie eine gute Gesprächsgrundlage für Ihren Umgang mit Aufgaben im Alltag.

Und meiner Schwester...

… habe ich genau das erzählt und wir haben sofort angefangen uns über unsere verschiedenen Wahrnehmungen auszutauschen.

 

* Es könnte sein, dass es dieses Konzept in der Psychologie schon gibt und ich es soeben refunden – also erneut erfunden – habe. Wenn Sie sich nun fragen, warum ist das so, dass Menschen einer Berufsgruppe nicht immer up-to-date sind und Sachen erfinden, die es schon gibt: Außerordentliche Intelligenz.